Die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands wird zunehmend durch politische und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst, die über klassische Standortnachteile wie Infrastruktur oder Demografie hinausgehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die wahrgenommene gesellschaftliche Atmosphäre, die sich direkt auf Investitionsentscheidungen und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften auswirkt. Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln, 2024) sehen fast drei Fünftel der ostdeutschen Industrieunternehmen in der politischen Entwicklung ihrer Region ein Risiko für ihre wirtschaftliche Perspektive. Diese Einschätzung basiert nicht auf ideologischen Positionen, sondern auf konkreten Erfahrungen von Unternehmen, die vor Ort Wertschöpfung generieren und Arbeitsplätze schaffen.
Die Ursache für diese Besorgnis liegt in der Wechselwirkung zwischen politischer Polarisierung und wirtschaftlicher Attraktivität. Regionen, in denen fremdenfeindliche Einstellungen und rechtsextreme Vorfälle vermehrt auftreten, verlieren an Anziehungskraft – sowohl für Fachkräfte aus dem Inland als auch für internationale Arbeitsmigranten. Besonders betroffen sind Branchen wie die Pflege, die auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen sind; aber auch zukunftsorientierte Sektoren wie die Halbleiterindustrie oder Logistik mit einem entsprechenden Bedarf an Mitarbeitern. Die ohnehin angespannte demografische Situation wird also weiter verschärft.
Auch empirische Untersuchungen, darunter eine Analyse des Science Media Center (2024), belegen, daß rechtspopulistische Wahlerfolge und fremdenfeindliche Vorfälle die Mobilität von Arbeitskräften hemmen. Menschen – ob aus anderen deutschen Regionen oder dem Ausland – bevorzugen Standorte, an denen sie eine offene und tolerante Gesellschaft erwarten können. Folglich führt die Abwesenheit einer solchen Willkommenskultur dazu, daß Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten haben, Personal zu rekrutieren, selbst wenn sie attraktive Arbeitsbedingungen bieten. Und dies gilt nicht nur für hochqualifizierte Fachkräfte, sondern auch für die systemrelevanten Bereichen wie der Pflege.
Die ökonomische Dynamik dieses Prozesses ist also klar: Eine Region, die an gesellschaftlicher Offenheit verliert, verliert auch an wirtschaftlicher Dynamik. Unternehmen sind gezwungen, zusätzliche Ressourcen aufzuwenden, um das negative Image ihrer Standorte auszugleichen – etwa durch gezielte Kampagnen, die Vielfalt und Sicherheit betonen. Einige Firmen wie etwa Zeiss positionieren sich öffentlich gegen Extremismus, und zwar nicht aus ursprünglicher Lust an der Verbreitung einer politischen Überzeugung, sondern als strategische Notwendigkeit, um überhaupt noch erforderliche Arbeitskräfte gewinnen zu können.
Besonders problematisch ist, dass dieser Prozess einen selbstverstärkenden Charakter annimmt. Je stärker rechtspopulistische Kräfte in einer Region an Einfluss gewinnen, desto unattraktiver wird sie für potenzielle Arbeitskräfte und Investoren. Dies führt zu einem Rückgang der wirtschaftlichen Chancen, was wiederum die soziale und politische Polarisierung weiter verschärft. Ostdeutschland steht damit vor einer paradoxen Situation: Gerade die Regionen, die am stärksten auf Wachstum und damit auch Zuwanderung angewiesen sind, schaffen durch ihre politische Ausrichtung Bedingungen, die diese Zuwanderung erschweren. Die Folge ist ein Kreislauf, in dem das Erstarken rechtspopulistischer Strömungen die Ursachen für deren Erfolg weiter verstärkt: Wirtschaftliche Schwäche und gesellschaftliche Abgrenzung bedingen sich gegenseitig und hemmen die Entwicklungsperspektiven der Region.
Im Raum steht also die grundsätzliche Frage, ob eine Region in der Lage ist, die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum zu schaffen – und dazu zählen als zentrale Bestandteile Offenheit, Mobilität und Diversität als wesentliche Treiber moderner Ökonomien.
Oder, um einmal mehr die Worte des Clinton-Beraters James Carville zu zitieren: It´s the economy, stupid!