Neulich beim Italiener

Mia Wong bloggt
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Neulich beim Italiener war sie plötzlich wieder da, die Reziprozität. Diesmal hatte sie die Gestalt eines Grappa angenommen. Selbstlos, verführerisch und gänzlich ohne Aufforderung trat sie in mein Leben, wie das so ihre Art ist. Überhaupt ist sie eine Meisterin der Verkleidung. Anderenorts tritt sie auch schon mal als Glückskeks oder Pflaumenschnaps auf. Die Reziprozität ist nicht nur eine sichere Bank auf der Zielgeraden einer Scrabble-Runde, sie steht auch für den wohl ältesten Mechanismus der Menschheit:

Wie Du mir, so ich Dir.

Mit ihrer Hilfe fällt das Trinkgeld höher aus, erreichen die Verkäufe auf Wochenmärkten schwindelerregende Höhen. Selbst die aufmerksame Beratung in einem Geschäft kann Menschen innerlich dazu bringen, sich bei der Verkäuferin oder dem Verkäufer dann mit einem Kauf zu revanchieren. Und wer kennt sie nicht, die Bedienungen, die vor den Augen des Kunden, ein Smiley auf die Rechnung malen oder 2 Täfelchen Schokolade zusammen mit der Rechnung an den Tisch bringen. Schließlich beginnt der ideale Verkaufsprozess immer mit “Geben”.

Geben steht vor Nehmen.

Es kann eine Gratisprobe sein, das kleine bisschen mehr Service oder Freundlichkeit oder ein kleiner Appetizer. All das löst in uns eine unbändige innere Verpflichtung aus, etwas zurück zu geben.

Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass es der Mensch es grundsätzlich nicht aushält, in irgendeiner Schuld zu stehen. Und ich weiß, wovon ich rede: Vor einigen Wochen waren wir beispielsweise von einem benachbarten Ehepaar zum Abendessen eingeladen. Wir kannten diese Leute seit einiger Zeit, sie waren nett, aber auch irgendwie langweilig. Es fiel uns keine gute Ausrede ein, und so sagten wir zu. Es kam, wie es kommen musste: Der Abend war zäh, humorlos und zog sich wie Kaugummi am Schuh. Trotzdem fühlten wir uns irgendwie verpflichtet, sie einige Monate später ebenfalls zu uns nach Hause einzuladen. So hatte der Zwang zur Reziprozität uns am Ende sogar zwei öde Abende beschert. Ihnen aber offenbar nicht, denn prompt kam einige Wochen später wieder eine Folgeeinladung.

Ich kann mir mittlerweile gut vorstellen, dass sich Menschen über Jahre aus reiner Reziprozität regelmäßig treffen. Und das wahrscheinlich schon seit mehr als 2 Millionen Jahren. Ich für meinen Teil glaube mittlerweile sogar fest daran, dass dieser „Grappa-Glückskeks-Einladungs-Mechanismus“ seinen Ursprung in der Steinzeit hat. Damals gab es nämlich noch keine Kühlschränke und wer dann ein Mammut erlegte, hatte gar keine andere Wahl, als es mit seinen Stammesbrüdern zu teilen. Das wiederum gab dem erfolgreichen Jäger die Möglichkeit, künftig von der Beute der anderen zu profitieren, wenn er selbst einmal einen Tag ohne Jagdglück hatte. Damit machte er den Bauch der anderen zu seinem Kühlschrank!

Eine geniale Überlebensstrategie.

So gesehen war und ist Reziprozität eigentlich nie etwas anderes als Risikomanagement. Und ohne das „Grappa-Glückskeks-Pflaumenschnaps-Prinzip“ wäre die Menschheit wohl schon lange ausgestorben.

Alles wird gut, Eure Mia!

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