Neulich am Briefkasten

Die Schweden duzen sich. Mich neuerdings auch. Genau genommen seit gestern morgen, als ich die Post raufholte.

„Wohnst Du noch oder lebst Du schon?“ fragte mich da der neue Geschäftsführer eines großen Möbelhauses aus der Heimat von Pippi Langstrumpf und Abba. Hej, die Schweden, die haben es halt drauf! Wie unkompliziert es dort doch zugeht! Wie sich die lässige Freundlichkeit der Menschen noch in diesem sprachlichen Detail spiegelt! Ein deutsches Möbelhaus hätte bei einer solchen Aktion wahrscheinlich eine krampfige Passivform à la “Wird noch gewohnt oder schon gelebt?” gewählt. Sehr sexy… Noch unverfänglicher wäre dann nur noch: “Gefällt die Wohnung noch oder hat das Leben schon begonnen?”

Hach, duzen kann so wunderbar entspannend wirken.

Wahrscheinlich sind Völker, die auf „Du und Du“ leben am Ende sogar glücklicher, als die distanzierten Kleingärtner aus dem Siezerland. Ich werde von jetzt an einfach auch duzen. Beschlossen! Man muß ja nicht Waldemar Hartmann heißen, um zu wissen, daß Brachial-Duzen glücklich macht. Am glücklichsten stelle ich mir die schwedische Königin Silvia vor, die über diesem Volk von Duzern thront – jeder Schwede duzt da jeden, und nur eine einzige Dame duzt man nicht: die Königin. Sie jedoch, ihrerseits, darf natürlich jeden duzen, wie sie will, und das muß nun wirklich ein großer Demütigungsspaß sein, jeden Tag aufs neue. “Ja, wie heißt du denn, mein Untertan?” – “Ich bin der Viggo, und Sie?”

Aber halt! Bei uns gilt unerwünschtes Duzen dummerweise immer noch als Beleidigung.

Es gibt eigentlich nur einen, der in Deutschland ungestraft jeden duzen darf. Und, nein, das ist nicht Waldemar Hartmann, sondern Dieter Bohlen. Als ihn vor einigen Jahren in Hamburg ein Polizist wegen unerwarteten Duzens anzeigte, lehnte der zuständige Richter ab: da Dieter Bohlen jedermann in Deutschland duze, könne auch in diesem Fall von einer Beleidigung nicht gesprochen werden. Also: Freispruch. Schön für den Dieter, blöd für mich.

Vielleicht sollte ich für den Anfang erst einmal auf diese strafrechtlich unbedenkliche Abart des “Du“ setzen.  Dieses “Du”, mit dem man sogar jemanden duzen kann, den man siezt: weil man ihn mit dem “Du” zwar anspricht, aber gar nicht meint. Die Rede ist vom Wechsel zum Du, wenn man “man” oder “ich” meint. So würden sich Joachim, Peter oder Ingo beim Chef etwa mit diesen Worten beschweren: “Sie sitzen da bequem im Sessel in ihrem piekfeinen Büro – wenn man (du) aber so unterbezahlt den ganzen Tag malochen müsste (müsstest), so ginge es einem (dir) beschissen”. Das würden sich Ingo und Peter dann aber doch nicht trauen ihrem Chef zu sagen…

In zeitgenössischem Du-Deutsch gesprochen, ist das mit dem “Du” für “man” und “ich” so: Du sagst (früher: man sagt) heute einfach nicht mehr “man”, das ist out und nervt. Und du sagst (man sagt) heute “du”, wenn du dich meinst (man sich meint). Du sagst (veraltet: ich sage/man sagt) also du für ich und man, weil du (ich/man) schließlich echt betroffen reden willst (will).

Puh….jetzt reicht’s! Das überfordert mich. Ich bleibe dem Siezerland dann doch besser erhalten und setze einfach auf andere Entspannungstechniken. Wie wäre es mit einem Einkauf bei Ikea?

Alles wird gut, Eure Mia!

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